Brabeck wird aktiv

Das war eine Leistung. Nestlé-Verwaltungsratspräsident Peter Brabeck äusserte sich übers Wochenende vom 28./29.1. in Le Temps, Basler Zeitung und SonntagsBlick ausführlich zum Film „Bottled Life“, ohne ihn gesehen zu haben.

 

Peter Brabecks Antworten in den verschiedenen Medien sind stark verallgemeinernd und seit langem bekannt. Brabeck wiederholt Aussagen, die ihm bereits im Film zugestanden werden. Etwa, dass Nestlé Waters nur 0.0009% des gesamten Süsswasserverbrauchs der Erde nutze. Das mag sein. Heruntergebrochen auf einzelne Regionen sind das aber gigantische Mengen: allein fast 4 Milliarden Liter jährlich im US-Bundesstaat Maine oder etwa gleichviel im wassserarmen pakistanischen Teilstaat Punjab. Die Leute in diesen Gegenden interessiert die von Nestlé global gepumpte Wassermenge nicht.

 


Zu den Fakten im Film sagt der Nestlé-Präsident gar nichts.

  • Kein Wort zu Nestlés Kampf um die Quellen in den USA. Nestlé produziert Flaschenwasser in fünfzehn Bundesstaaten und dominiert den Markt. In zahlreichen dieser Bundesstaaten übt der Konzern seit Jahren Druck auf kleine Gemeinden und Bürgergruppen aus, von Kalifornien über Colorado bis Wisconsin, Michigan und Maine. Nestlé scheut sich nicht, für seine Wasserinteressen den Weg durch alle gerichtlichen Instanzen hindurch zu gehen.Gleichzeitig nimmt Nestlé für sich in Anspruch, ein guter lokaler Nachbar zu sein. 
  • Kein Wort zu irreführenden Aussagen, die Peter Brabeck über die Nestlé-Homepage verbreitet. Beispiel: Seit 2005 hat Nestlé sein humanitäres Engagement in einem Flüchtlingslager in Ost-Äthiopien beendet. Nach Nestlés Rückzug gab es Schwierigkeiten beim Unterhalt der Anlage und die Flüchtlinge litten zeitweise unter Wassernot. Nestlé stellte 2007 ein Werbevideo auf seine Homepage. Darin spricht Peter Brabeck von einem nachhaltigen Engagement in Äthiopien: „Damit die Menschen dieser Region Zugang zu sauberem Wasser haben noch für viele zukünftige Jahre.“ Das ist eine Art von Nachhaltigkeit, die sich in der trockenen Gegend buchstäblich aufgelöst hat.
  • Kein Wort zur Ignorierung einer Wasser-Petition, die Anwohner hinter der grossen pakistanischen Sheikupura-Fabrik an Nestlé stellten. In der Petition wünschten die Dorfbewohner Zugang zu sauberem Wasser, das Nestlé in der Fabrik millionen-literweise aus Tiefbrunnen fördert. Das Wasser verkauft Nestlé in weiten Teilen Pakistans. Und liefert es sogar bis nach Afghanistan.
  • Kein Wort zur Umweltverträglichkeitsprüfung, die Nestlé anlässlich der Erweiterung der Flaschenwasser-Produktion in der Sheikupura-Fabrik machen musste. Was steht in diesem Bericht?

Unsere konkreten Fragen an Nestlé hier.


Zum vorläufigen Schluss noch dies. Peter Brabeck sagt im SonntagsBlick vom 29.1.: „Ich habe nie gesagt, Wasser brauche einen Preis."
In der NZZ vom 23.3.2008 hingegen sagt Brabeck das Gegenteil: „Wasser braucht einen Preis.“
Was gilt denn jetzt?

Wenn Wasser einen Preis hätte, würde mehr Wasser gespart. Das war früher die Brabeck-Message. Jetzt ist ihm diese Aussage offenbar unangenehm geworden. "Bottled Life" zeigt nämlich, wie Nestlé davon profitiert, dass Wasser keinen Preis hat. Etwa in Maine, wo Nestlé Waters gratis oder fast gratis Wasser pumpt, um es als Flaschenwasser an der ganzen US-Ostküste teuer zu verkaufen.

Das Wasser einen Preis braucht, schreibt Peter Brabeck auch in seinem eigenen Beitrag für den Corporate Social Responsibility Report 2011, unter dem Titel "A New Role for the Private Sector".

Urs Schnell, Produzent und Regisseur